Archiv der Kategorie 'Leben in der Blume'

Blumige Grüße aus der Redaktion

Zwei anonyme Stimmen aus der Studierendenschaft melden sich zu Wort:

„Ich möchte daran erinnern, dass die Hausordnung nicht mitbestimmungspflichtig ist. Dennoch sind uns die Belange der Studierenden und Beschäftigen (sic!) wichtig und wir nehmen die bisher aufgeführten Argumente für erweiterte Öffnungs- oder Nutzungszeiten bei unserer Erarbeitung der Umsetzungskonzepte zur Kenntnis, wenn auch nicht alle aus rechtlichen Gründen berücksichtigt werden können.“ (Zitat: Vanessa Ohlraun, Präsidentin, HBK BS, Johannes-Selenka-Platz 1 38118 Braunschweig, 0531/391-9206) Auszug aus dem hochschulöffentlichen Rundschreiben: >>Umsetzung der Hausordnung im Wintersemester 2017/18<<, 2017-10-13 15:37:08)

Zunächst einmal sollte gesagt sein, dass ein uneingeschränktes Arbeiten rechtlich an anderen Hochschulen keinerlei Probleme darstellt. Es gibt eine Pförtnerei, tags und nachts. Dieses Argument müssen wir als Entschuldigung dafür nehmen, dass allgemeine Begehren an der HBK nicht vom Präsidium umgesetzt werden. Schlichtweg: Arbeit nicht getan.

Die Machtverhältnisse an der HBK sind doch ganz klar: Wer schon darauf hindeutet, dass etwas nicht mitbestimmungspflichtig ist, zeigt schon, gar nicht Willens zu sein, nach einer Konsensfindung zu suchen. Es gehört sich nicht, über den Willen anderer hinweg zu entscheiden und gleichzeitig noch zu betonen, dass dies rechtens sei. Das ist ein schwaches Zugeständnis an eine Konsenspolitik und an demokratische Verfahren.

Die Hochschule besteht zum deutlich größten Teil aus Studierenden. Wir sind keine Arbeitnehmer*innen in einem Betrieb, sondern Mitglieder in einer öffentlichen Bildungseinrichtung. Diese Regierungsmethoden sind nicht mit einem zeitgemäßen Verständnis von Demokratie, Mitbestimmung und selbstverantwortungsvollem Handeln zu vereinbaren.

„Wie ich dem AStA im Jour Fixe am 11.07.2017 mitgeteilt habe, werden Frau C. und ich uns in diesem Semester verstärkt mit Verfahren zur Umsetzung der aktuell gültigen Hausordnung beschäftigen. Wir kommen so bald wie möglich mit Umsetzungskonzepten auf Sie zu.“ (Zitat: Vanessa Ohlraun, 2017-10-13)

Das Umsetzungskonzept, welches ja das Mitspracherecht der Studierenden ebenso wenig vorsieht wie die Hausordnung ebendieses auch nicht vorsah, sieht bisweilen so aus, dass sich Studierende der Hochschule bei Verlassen des Gebäudes aus der Blumenstraße einer polizeilichen Personenkontrolle unterziehen müssen. Sind das „türkische“ Verhältnisse von Namenslisten, die systematisch durch eine Staatsgewalt erstellt werden, um sie dem Präsidium der Hochschule zuzuspielen? Werden dadurch Studierende in Zukunft benachteiligt werden, wenn sie dem Präsidium polizeilich gemeldet wurden? Und wo ist überhaupt Vanessa Ohlraun?

Der künstlerische Nachwuchs sollte gefördert und nicht eingeschüchtert werden!

Wir missbilligen das Vorgehen der Hochschulleitung, die Studierendenschaft auf solch unverschämte Weise einschüchtern zu wollen. Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern. Unverschämt, weil die Hochschulleitung die Polizei vorschickt, anstatt die eingeschränkten Öffnungszeiten und viele andere Fehlentscheidungen rückwirkend aufzuheben, zu korrigieren und zuzugeben, dass sich die Hochschulleitung nicht verantworten will für die derzeitige Situation und sich endlich debattierfähig zeigt. Nein, die Braunschweiger Lösung: Kreativschaffende kriminalisieren. Tatbestand: Hausfriedensbruch im eigenen Atelier. Kunst und Leben sind aber untrennbar voneinander. Und ein Atelier ist kein Büro.

Die Erwartungshaltung an die Neubesetzung des lange Zeit unbesetzten Präsident*innenstuhls waren hoch, zumal der Vizepräsident*innenstuhl fachfremd besetzt war. Wäre es nicht besser gewesen, diesen Posten unbesetzt zu lassen oder abzuschaffen, um ein neues hochschulpolitisches System einzuführen, welches keine präsidiale Spitze vorsieht? Eine wirkliches Umdenken von demokratischen Verhältnissen, wo nicht mehr über andere Kopfe hinweg entschieden wird?

Die Stadt Braunschweig zeichnet sich mit dieser ganz besonderen Hochschule aus und ist nicht nur eine Stadt der Wissenschaft, sondern auch eine Stadt der Kultur und Künste. Wissenschaften, Kultur und Künste bleiben frei. Deswegen möchten wir auch die Kommiliton*innen der TU einladen, uns in der Blume zu besuchen.

„Strafverfahren sind bereits eingeleitet und werden auch gegen Personen, die sich zwischen 21:00 Uhr und 7:00 Uhr unberechtigt in den Gebäuden der HBK aufhalten, eingeleitet.“ (Auszug aus „Besetzung der Blumenstraße“ Verfasser: Für das Präsidium, HVP Nikolas Lange, VP F u KE Dr. Frauke Stiller, 2017-10-18 19:10)

Wir sagen: Wir können so nicht arbeiten.

Es geht hier auch darum, die Freiheiten nicht zu nehmen, sondern zu geben. Das Paradoxon besteht doch darin, dass die Hochschulleitung die Blumenstraße nun nachts polizeilich überwachen lässt, anstatt endlich eine Sondertagung zu veranlassen, in der umgehend eine ERWEITERUNG der Öffnungszeiten beschlossen wird. Von einem Zugeständnis keine Spur. Sesselfurzen in den oberen Etagen.

In der Blumenstraße wird tatkräftig gewerkelt, heute sind für dutzende neue Studierende aller Studiengänge Arbeitsplätze eingerichtet worden, da es die Hochschulleitung in den letzten Semestern auch versäumt hat, allen Studierenden aller Studiengänge einen angemessenen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen.

Wir werden ab morgen für Sie telefonisch und e-postalisch in der IPS (Presseteam und Korrespondenz Blumenstraße 36) erreichbar sein und freuen uns sehr über Ihren Besuch bei uns. Schauen Sie einfach vorbei. Alle Braunschweiger*innen sind herzlich zu einem extrakurikulären HBK RUNDGEHEN eingeladen. ( Blumenstraße 36, 38118 hbk-bs.de )

Gute Nacht und kreative Träume.

Braunschweig, den 19.10.2017

Fortsetzung folgt…

Tägliches Programm für die Blumenstraße 36

Für Alle!

24/7
Gemeinschaftsatelier
Es geht uns ums arbeiten und das wollen wir allen ermöglichen.
Wir schaffen Platz für:
Die Studenten des darstellenden Spiels, deren Proberäume bis 21:00 Uhr mit Seminaren belegt und somit nicht im eigentlichen Sinne nutzbar sind,
der visuellen Kommunikation und des Industriedesigns, denen es sowieso an Räumen fehlt,
Den Künstlern die nicht in der Blumenstraße studieren
und natürlich allen anderen, die mit uns arbeiten wollen.
Das Gemeinschaftsatelier soll ein Ort des ausprobierens und Zusammenkommens sein. Ihr müsst nicht mit festen Plänen kommen, sondern könnt euch auch hier zusammenfinden.

17:00
Essen
Nudeln mit veganem Pesto (selbstgemacht)

18:30
Vollplenum
Voll Plenum, ey!
Wer informiert bleiben will, kommt vorbei.

20:00
Vorbereitungsplenum
Lagebesprechung und Rechtsberatung

Nach dem Vorbereitungsplenum
Nachtyoga
Besetzung kann ganz ganz schön anstrengend sein. Besonders nachts macht sich das bemerkbar. Um die Gemüter nach kräftezehrenden Diskussionen zu beruhigen bieten wir ab sofort nach dem Vollplenum eine Yogarunde an.

22:00
Dino-Kino
Die HBK Bibliothek ist vollgestopft mit verlorenen Kino-Schätzen, spannenden Dokus und studentischen Filmprojekten, die dort nur verstauben. Wir haben uns vorgenommen die gefangenen Filme zu befreien und euch zu zeigen. Ab sofort werden wir jede Nacht ab 22 Uhr einen Kinoabend veranstalten.

0:00
Traumreiseraum
Eisige Winde und singende Wüsten. An der HBK gibt es nicht nur Künstler, Designer und Wissenschaftler, sondern auch einige wirklich passionierte Musikliebhaber. Jeden Abend ab 0:00 wird euch einer von denen seine Lieblingslieder vorspielen. Liegewiese statt Dancefloor.

1:00
Die springenden Besucher auf dem Kopf
Viele Menschen auf kleinem Raum. Wir sollten wissen wie wir uns fühlen. Offene Gefühle auf intimem Raum sind extrem wichtig. Jede Stimme bekommt die Zeit die sie verdient. Anschließend kann ein Kuschelplenum beantragt werden.

Einzelne Programmpunkte können sich unter Umständen verschieben oder Überschneiden. Aber das ist nicht schlimm denn: Hauptsache es bleibt schön.

Blumen für Alle

offener Brief einer anonymen Stimme:

„Ohne Rose machen wir es nicht!“ (Beuys)

Zu Besuch in der Blumenstraße 36.
Blumen für alle.

Der Tag in der Blumenstraße war bisher ein sehr schöner und die Kollektivküche servierte soeben 50 warme, leckere Linsensuppen mit Brot an alle arbeitenden Künstler*innen und Gäste. Bei schönem Wetter wurde der Blumenhof entrümpelt und vom ersten Herbstlaub befreit. Let the sunshine in!
Der nette Herr Photojournalist von der deutschen Presseagentur (dpa) hat sich am frühen Nachmittag zu uns gesellt und sich nach dem derzeitigen Stand der Dinge erkundigt. Wir sind gespannt, was es morgen in den regionalen und überregionalen Tagesblättern zu lesen und im Funk zu hören geben wird. Die Druckerwalzen drucken schon. Wir sind sehr erfreut über die großzügige Unterstützung seitens des Journalismus und der Presse, uns eine lautere Stimme zu verleihen. Denn wie die Kunst ist auch der Journalismus ein Feld, welches immer wieder seine Freiheit vor dem Staat und seinen Institutionen einfordern und verteidigen muss. Nicht nur die Gedanken sind frei…währenddessen hören wir in der improvisierten Pressestelle den Applaus der Vollversammlung nebenan. Die Studierendenschaft ist sich einig: Wir lassen uns so nicht länger regieren!

Die gestrige nächtliche Besetzung ist erfolgreich gelungen. Wir haben uns durch Androhungen von Massenexmatrikulation unsere künstlerische Freiheit nicht nehmen lassen und freuen uns auf den Spieleabend, der gleich beginnt und eine gemeinsame Sleeping-Performance. Das Infobüro ist gut besucht und unser Haus wird wieder zu einem bunten freigeistigen Ort des Austauschs. Es wird renoviert, gemalt, gebaut, geschrieben. Der Kaffeekocher läuft in Dauerschleife.

Hier ist ein Denkapparat in Gang gesetzt wurden – eine utopische Antwort auf aktuelle Phänomene aus Gesellschaft und Politik. Wir Künstler*innen und Kreativschaffende haben die Schnauze voll von Bevormundung, Machtmissbrauch, Ressourcenverschwendung und nicht zuletzt dem neoliberalen Kackscheiß. Staatsgewalt ist GEWALT. Auch an einer Kunsthochschule. Die Kunst und der Mensch* bleiben frei. Denn ziviler Ungehorsam, künstlerischer Aktionismus sowie Unmutsäußerungen sind immer schon Kritik an Missständen. Worin besteht also die Kunst zu kritisieren? Was, wenn unsere Kontrollgesellschaft garnicht mehr den friedlichen Protest duldet, weil das komplexe Gegenwartsgeschehen sofort irritiert wäre in ihrer steilsenkrecht strukturierten Machtordnung. Damit ist ihre Anfälligkeit für Widerstand gemeint. Denn das derzeitige Machtsystem, wie es in einer staatlichen Institution, z.B. einer Kunsthochschule, strukturiert ist, zeigt sich als Mikrogesellschaft und Abbild einer gesellschaftlichen Struktur. Dass es sich hier aber um ein Präsidialsystem handelt, dass man uns die letzten Jahre als demokratisches System der Konsensfindung verkaufen wollte, zeigt sich allerdings seit noch nicht allzu langer Zeit. Wer bestimmt überhaupt über maßgebende Entscheidungen, die die HBK betreffen. Zumindestens sind es seit Verabschiedung des Hochschulentwicklungsplans nicht mehr die Studierenden. Jegliche Warnungen seitens der Studierendenschaft vor Verschlechterung der Qualität in der Lehre und Ausbildung wurden missachtet.

Wir lassen unsere Arbeit und unseren Arbeitsbegriff nicht beschränken!
Wir arbeiten wann wir wollen und so viel wir wollen!
Die Blumenstraße bleibt symbolisch besetzt!
Wir fordern mehr studentisches Mitspracherecht bei der Gestaltung unserer Hochschule.
Wir wollen keine Verhältnisse wie in einem Produktionsbetrieb!
Wir fordern zusätzlich zur grundgesetzlichen Meinungsfreiheit die Gewährung der grundgesetzlichen künstlerischen Freiheit.

Blumenpower!
Wir haben das Hausrecht.
Demokratie ist lustig.

Die erste Nacht

Es verlief etwas wie im Traum.
Auf einmal geht alles ganz schnell, dann gibt es wieder Momente die lang wie eine Ewigkeit sein könnten. Aber vorallem spührt man sie mal wieder. Die Zeit.

Da sich Leute aus verschiedenen Studiengängen zusammengefunden haben, ganz fix von der Idee, DAS IST JETZT DER ZEITPUNKT, verteilten sich die nötigen Aufgaben sehr schnell. Die einen kümmern sich darum, die Menschen von außen willkommen zu heißen und sie einzuladen, das Gebäude zu betreten. Andere versammelten sich zu Krisensitzungen, wiederum andere begannen zu kochen. Der Rest begab sich in Gespräche. Die Studierenden kamen schnell zusammen. Es gibt schließlich ein gemeinsames Ziel.

Besetzung ist ein hartes Wort mit Vorurteilen. Wir sprechen uns jedoch sehr deutlich GEGEN Vandalismus und Randale aus. Im ersten Gespräch mit einem Teil des Präsidiums kam es zu dem Satz: „Wir sind keine Feinde. Wir sind Gegner. Wir vertreten unterschiedliche Interessen.“ Das beschreibt unsere Lage und Haltung dazu sehr gut. Was wir in dieser Zeit erleben und vorleben möchten ist eine Utopie, vielleicht auch das ausleben des Gedankenexperiment Kunsthochschule, über welches wir uns das letzte Jahr viel unterhalten haben.

So kam es in erster Linie zu vielen Gesprächen und Diskussionen. Ein herantasten auch an die Leute, die man noch nicht so gut kennt. Vor allem aber ein Herantasten an ein neues Gefühl, endlich nicht mehr diese Ohnmacht gegenüber einer Autorität spühren zu müssen. Ein Fleckchen Freiheit an dem Ort, an dem uns versprochen wurde frei zu sein.

Beim ersten Plenum wurde geklärt, um welche Dinge wir uns kümmern müssen. Es geht auf der einen Seite um organisatorische Aufgaben- wie beispielsweise das Organisieren und Verwalten des Programms, welches die Blume aufleben lassen soll –, auf der anderen Seite aber auch um Aufgaben , die das Zusammenleben ermöglichen, wie Sauberkeit und die Küche. Es fanden sich Teams für jegliche Aufgaben und wir laden bei Interesse sehr gerne nochmal dazu ein sich zu beteiligen. Es kann endlich einen Ort geben, an dem wir zusammenfinden um uns auszutauschen. Aus der Blumenstraße als Mahnmal soll nun ein kreatives und produktives Denkmal entstehen, an dem alle Künste zusammen kommen können.

Wenn man so durch die offenen Klassen spaziert ist fand man auch Leute die die Situation sofort nutzten um zu arbeiten. Die meisten mussten sich jedoch von dem ersten Schock erholen. Da einige Leute nochmal nach hause gefahren sind um alles Essen, alle Kissen, Decken und Isomatten mitgebracht haben, eben alles was sie finden konnten, konnten auch sie zur Ruhe kommen um in den nächsten Tag zu starten. Denn eine Nacht ist geschafft.

Zum Schluss möchte ich noch einmal etwas wiederholen, was mir jemand zu der jetzigen Situation gesagt hat. Es beschreibt vielleicht ganz gut die Atmosphäre:
„Es ist schon komisch, dass ich euch in den letzten Tagen so oft umarme weil wir uns drei Mal am Tag grüßen. Wir sehen uns auf einmal so viel. Aber versteht mich nicht falsch, das ist einfach sehr schön.“