Blumen für Alle

offener Brief einer anonymen Stimme:

„Ohne Rose machen wir es nicht!“ (Beuys)

Zu Besuch in der Blumenstraße 36.
Blumen für alle.

Der Tag in der Blumenstraße war bisher ein sehr schöner und die Kollektivküche servierte soeben 50 warme, leckere Linsensuppen mit Brot an alle arbeitenden Künstler*innen und Gäste. Bei schönem Wetter wurde der Blumenhof entrümpelt und vom ersten Herbstlaub befreit. Let the sunshine in!
Der nette Herr Photojournalist von der deutschen Presseagentur (dpa) hat sich am frühen Nachmittag zu uns gesellt und sich nach dem derzeitigen Stand der Dinge erkundigt. Wir sind gespannt, was es morgen in den regionalen und überregionalen Tagesblättern zu lesen und im Funk zu hören geben wird. Die Druckerwalzen drucken schon. Wir sind sehr erfreut über die großzügige Unterstützung seitens des Journalismus und der Presse, uns eine lautere Stimme zu verleihen. Denn wie die Kunst ist auch der Journalismus ein Feld, welches immer wieder seine Freiheit vor dem Staat und seinen Institutionen einfordern und verteidigen muss. Nicht nur die Gedanken sind frei…währenddessen hören wir in der improvisierten Pressestelle den Applaus der Vollversammlung nebenan. Die Studierendenschaft ist sich einig: Wir lassen uns so nicht länger regieren!

Die gestrige nächtliche Besetzung ist erfolgreich gelungen. Wir haben uns durch Androhungen von Massenexmatrikulation unsere künstlerische Freiheit nicht nehmen lassen und freuen uns auf den Spieleabend, der gleich beginnt und eine gemeinsame Sleeping-Performance. Das Infobüro ist gut besucht und unser Haus wird wieder zu einem bunten freigeistigen Ort des Austauschs. Es wird renoviert, gemalt, gebaut, geschrieben. Der Kaffeekocher läuft in Dauerschleife.

Hier ist ein Denkapparat in Gang gesetzt wurden – eine utopische Antwort auf aktuelle Phänomene aus Gesellschaft und Politik. Wir Künstler*innen und Kreativschaffende haben die Schnauze voll von Bevormundung, Machtmissbrauch, Ressourcenverschwendung und nicht zuletzt dem neoliberalen Kackscheiß. Staatsgewalt ist GEWALT. Auch an einer Kunsthochschule. Die Kunst und der Mensch* bleiben frei. Denn ziviler Ungehorsam, künstlerischer Aktionismus sowie Unmutsäußerungen sind immer schon Kritik an Missständen. Worin besteht also die Kunst zu kritisieren? Was, wenn unsere Kontrollgesellschaft garnicht mehr den friedlichen Protest duldet, weil das komplexe Gegenwartsgeschehen sofort irritiert wäre in ihrer steilsenkrecht strukturierten Machtordnung. Damit ist ihre Anfälligkeit für Widerstand gemeint. Denn das derzeitige Machtsystem, wie es in einer staatlichen Institution, z.B. einer Kunsthochschule, strukturiert ist, zeigt sich als Mikrogesellschaft und Abbild einer gesellschaftlichen Struktur. Dass es sich hier aber um ein Präsidialsystem handelt, dass man uns die letzten Jahre als demokratisches System der Konsensfindung verkaufen wollte, zeigt sich allerdings seit noch nicht allzu langer Zeit. Wer bestimmt überhaupt über maßgebende Entscheidungen, die die HBK betreffen. Zumindestens sind es seit Verabschiedung des Hochschulentwicklungsplans nicht mehr die Studierenden. Jegliche Warnungen seitens der Studierendenschaft vor Verschlechterung der Qualität in der Lehre und Ausbildung wurden missachtet.

Wir lassen unsere Arbeit und unseren Arbeitsbegriff nicht beschränken!
Wir arbeiten wann wir wollen und so viel wir wollen!
Die Blumenstraße bleibt symbolisch besetzt!
Wir fordern mehr studentisches Mitspracherecht bei der Gestaltung unserer Hochschule.
Wir wollen keine Verhältnisse wie in einem Produktionsbetrieb!
Wir fordern zusätzlich zur grundgesetzlichen Meinungsfreiheit die Gewährung der grundgesetzlichen künstlerischen Freiheit.

Blumenpower!
Wir haben das Hausrecht.
Demokratie ist lustig.